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„Kannst du mal schnell?“ Über den Umgang mit ‚Gefallen‘

Früher oder später wirst du in eine Unterhaltung geraten, die in etwa so beginnt:

„Sag mal, du machst das mit Photoshop und so doch beruflich, oder?“

„Ja.“

„Super. Tante Gerda hat bald Geburtstag. Kannst du mal schnell eine schöne Einladungskarte designen?“

„Äh-“

Und schon bist du drin in der „Kannst du mal schnell“-Gefallens-Falle. Wie du da wieder heil herauskommst, erfährst du in diesem Beitrag.

Den Vorteil sehen

Bevor wir uns der Flucht aus dieser Zwickmühle widmen, eines vorweg: Dass solche Anfragen auf dich zukommen, hat eine positive Seite. Das wird häufig vergessen. Menschen, die dich um Hilfe bei einer Sache bitten, haben Vertrauen in deine Fähigkeiten. Sie sehen dich als einen Experten auf deinem Fachgebiet, den sie kennen. Die meisten Leute möchten sich nicht von einem Fremden beraten lassen, wenn sie stattdessen ein Familienmitglied oder einen guten Freund um Hilfe bitten können. Menschen, die mit einer solchen Bitte auf dich zukommen, haben also Vertrauen in deine Fähigkeiten.

Warum diese Situationen entstehen

Kommen wir nun zu den Nachteilen. Natürlich ist das eine höchst unangenehme und heikle Situation, ganz besonders dann, wenn du der Person tatsächlich helfen möchtest. Freelancer bekommen immer mal wieder Anfragen von, pardon, Schmarotzern, die sie ausnutzen wollen. Diesen gilt es konsequent entgegen zu treten.

Nicht alle Menschen sind so. Der ebenso einfache wie triftige Grund, weshalb solche unangenehmen Situationen entstehen, ist Unkenntnis. Nehmen wir das Beispiel eines Handwerkers: Den allermeisten Leuten ist klar, dass ein Handwerker einen (Aus-)Bildungsweg gegangen ist und seine Fähigkeiten erlernt hat. Auch würde wohl kaum jemand daran zweifeln, dass es wohl klüger wäre, einen Dachdecker zu rufen, anstatt selbst auf den Ziegeln herumzuturnen.

Natürlich erfüllen auch Handwerker privat „Gefallen“, die manchmal an der Steuer vorbei entlohnt werden. Ich will damit keine moralische Diskussion über dieses Thema starten. Hier ist nur ein Aspekt wichtig: Der Handwerker wird selbstverständlich bezahlt.

Wie sieht es dagegen mit einem freiberuflichen Grafiker, Webdesigner oder Texter aus? Hier ist die Wertschätzung selten in gleicher Form vorhanden, oder hart gesagt: „Das kann doch jeder“ – Denken ist nach wie vor verbreitet. Nur warum kommen die Menschen dann doch zu Spezialisten und helfen ihnen irgendwelche Auftragsarbeiten über?

Ein Freelancer ist Dienstleister, kein Diener

Wie so oft fangen die Probleme bereits im Begriff an: Ein Freelancer ist ein unabhängiger Dienstleiser, der Auftraggebern auf Augenhöhe begegnet. Wenn du dich stattdessen wie ein Angestellter in einer Hierarchie wiederfindest, machst du etwas nicht richtig.

Dienst und dienen sind nicht dasselbe. Als Freiberufler bist du niemandes Knecht und deine Zeit ist genauso begrenzt und wertvoll wie die eines Arbeitnehmers oder, um bei unserem Beispiel zu bleiben, wie die eines Handwerkers.

Woran also liegt es, dass deine Mitmenschen erwarten, dass du „mal eben“ und dazu auch noch kostenlos für die Gestaltung von Tante Gerdas Geburtstagskarte Gewehr bei Fuß stehst?

Je kreativer, desto …

Wie wir festgestellt haben, ist Unkenntnis der ‚Motor‘ für solche „Kannst du mal“ – Überfälle. Dafür gibt es drei Ursachen:

Alter

Deine Tante (je nachdem wie alt sie ist) wird wohl relativ wenig mit Buzzwords wie Content Marketing, Plugins oder Infografik anfangen können. Darüber solltest du nicht verächtlich denken – jede Generation hat ihre Technologie und Erfahrungen. Wer weiß, wie es uns mit 80 geht? Halte dir vor Augen, dass insbesondere ältere Menschen wenig bis keine Ahnung von den modernen Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Oft wissen sie nur ungefähr, was du eigentlich tust, selbst wenn du versuchst, es zu erklären.

Abstraktion

Das ist der zweite Faktor, der zur Unkenntnis dazugehört und sich mit dem Faktor Alter überschneiden kann. Je abstrakter dein Business ist, desto größer ist die Unkenntnis. Auch heute noch, über 16 Jahre nach der Jahrtausendwende, müssen sich Programmierer und andere Dienstleister dafür rechtfertigen, dass sie den ganzen Tag ja nur am Computer sitzen und ein paar Zahlen eintippen würden. „Das kann es doch nicht sein!“ magst du denken. Stimmt. Aber im Moment ist es so und führt dazu, dass die Leistungen vieler Freiberufler nicht immer als eben diese Leistungen angesehen werden.

Übersteigerte Erwartungshaltung

Ein Bekannter meinte doch, dass das alles in einer halben Stunde zu machen sei. Der hatte eine Seite gebastelt – mit was für einem Zauberprogramm das in dieser Geschwindigkeit passiert sein soll, weiß derjenige natürlich nicht. Vielleicht liegt das ja daran, dass es ein derartiges Zauberprogramm nicht gibt.

Und eine Website, die in einer halben Stunde erstellt wurde, möchte ich lieber nicht sehen. Wenn Menschen mit solchen Vorstellungen zu dir kommen (was leider auch bei manchen Unternehmen sein kann), dann wird die Sache schwierig.

Diese drei Faktoren bringen Menschen auf die Idee, Freiberufler mit ‚Anfragen‘ in die Bredouille zu bringen. Was aber kannst du nun tun, um nicht mit einem schlechten Gewissen absagen zu müssen?

3 Wege, mit diesen Anfragen umzugehen

Genauso wie es drei Faktoren gibt, die zur Entstehung von Unkenntnis gegenüber deinem Business führen, biete ich dir im Folgenden drei Lösungsvorschläge an, um aus der Nummer herauszukommen:

1. Sich beugen und den ‚Auftrag‘ annehmen

Wie du dir denken kannst, ist das die ungünstigste Variante. Du verlierst nicht nur den Respekt vor dir selbst, weil du dich ohne Bezahlungen für zig Stunden einspannen lässt, du unterstützt damit auch das Zerrbild desjenigen, der dir die Geschichte übergeholfen hat.

2. Forsch ablehnen

Antworte mit dem Hinweis, dass du das natürlich gern kostenlos machen würdest und selbstverständlich auch über Nacht. Vergiss jedoch nicht, die Gegenfrage nachzulegen, ob dein Gegenüber dafür am Tag darauf bei dir vorbeikommt und dir gratis die Wohnung putzt, die Wäsche wäscht und ach ja, der Keller müsste auch noch ausgeräumt und die Küche neu gestrichen werden. Du wirst überrascht sein, wie schnell die Anfrage sich erledigt hat.

3. Höflich aber bestimmt ablehnen

Das ist der meiner Meinung nach beste Weg, selbst wenn dir das Gesuch unverschämt erscheinen mag. Wie gesagt, die häufigste Ursache für die Entstehung solcher Situationen ist Unkenntnis. Die meisten Menschen kennt das Leben als Arbeitnehmer – ihnen sind die Rhythmen und Herausforderungen von Freiberuflern unbekannt. Versuche daher, dem Fragenden klar zu machen, wie viele Arbeitsstunden dies für dich bedeuten würde, und dass du dafür schlichtweg weder die Zeit hast, noch diese vergütet bekommst. Für Freelancer ist das Zeitmanagement extrem wichtig für den Erfolg. Jede verlorene Stunde bedeutet, dass kein Geld fließt. Dieser Punkt ist Empfängern eines geregelten Einkommens nicht immer klar.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Niemand sagt, dass du die Geburtstagskarte für Tante Gerade oder für wen auch immer nur für bare Münze gestalten sollst. Und selbstverständlich kannst du als Freiberufler jemand Nahestehendem einen Gefallen tun. Vielmehr geht es um Verhältnismäßigkeit und Selbstorganisation.

Nimm nur Gefallen an, bei denen du mit dir selbst einverstanden bist. Lehne hingegen aufdringliche und überzogene Anfragen  ab, indem du auf den Wert deiner Arbeit hinweist. In der Gesellschaft kursieren vielfach noch Zerrbilder und falsche Vorstellungen über Freiberufler. Du musst diesen Bildern jedoch nicht entsprechen, sondern kannst deinen Standpunkt vertreten.

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